Definitionsmacht schwergemacht. Zu Vergewaltigungs-Debatten in der radikalen Linken und darüber hinaus

Mamba, 2005 (Wieder­ver­öf­fent­li­chung, Infos siehe unten)

Lese­dauer: 14 Minuten

Nur wenig, nur die abso­lute Spitze von dem, was alltäg­lich so an Gewalt­hand­lungen vor allem gegen Frauen in der radikalen/autonomen Linken passieren dürfte, schwappt bis in die Szene-Öffent­lich­keit; nämlich – manchmal – das, was von den Betrof­fenen als Verge­wal­ti­gung bezeichnet wird. Die dann folgenden Schlamm­schlachten sind nur ein absurder Ausdruck dessen, was alles an tagtäg­li­chen Uner­träg­lich­keiten vor allem durch Männer unter den Tisch fällt und so recht keinen Platz in der – dem Anspruch nach – von beiden Geschlech­tern zu verant­wor­tenden poli­ti­schen Arena und Begriffs­welt hat.

Was geht? Wer spricht? Warum?

Wir arbeiten seit ca. drei Jahren als femi­nis­ti­sche, linke Frau­en­gruppe zusammen. Schwer­punkt unserer Arbeit war lange Zeit ein Work­shop zu Tech­no­lo­gie­kritik und Bevöl­ke­rungs­po­litik im Rahmen einer femi­nis­ti­schen Kritik an der Welt­aus­stel­lung EXPO 2000.

Mit dem Thema »Defi­ni­ti­ons­macht« sind wir ziem­lich plötz­lich und auf verschie­dene Weise konfron­tiert worden: zum einen durch eine Veran­stal­tung der Defi­ni­ti­ons­machts­in­fra­ge­stel­lerlnnen Les Made­leines1 in Hannover, gegen die wir uns gemeinsam mit anderen Frauen posi­tio­niert haben. Vor allem aber haben wieder­holt sexu­elle Über­griffe auf Frauen in unserem eigenen Umfeld uns zur Ausein­an­der­set­zung mit dem gegen­wär­tigen Umgang mit sexueller/sexualisierter Gewalt2 in der radikalen/autonomen Linken gezwungen. In den darauf folgenden Diskus­sionen mit Männern und Frauen (sowohl aus gemischten als auch aus Frau­en­gruppen) zeigte sich, dass die Ausein­an­der­set­zung um den konkreten Umgang mit sexueller/sexualisierter Gewalt inner­halb der radi­kalen Linken nahezu ein Fass ohne Boden ist. Im Verlauf der Debatten um sexu­elle Gewalt wird vor allem die gene­relle Margi­na­li­siert­heit von femi­nis­ti­schen Posi­tionen inner­halb der radikalen/autonomen Linken deut­lich. Im folgenden wollen wir den bishe­rigen Stand unserer Diskus­sion veröf­fent­li­chen, um der verbrei­teten Geschichts­lo­sig­keit der jetzigen Debatten um sexu­elle Gewalt etwas entge­gen­zu­setzen, Diese Geschichts­lo­sig­keit drückt sich auch in belie­bigen Proble­ma­ti­sie­rungen eines angeb­lich bestehenden »Defi­ni­ti­ons­rechts« aus, die in weiten Teilen unwi­der­spro­chen stehen bleiben.

Mit unserem Text richten wir uns sowohl an Inter­es­sierte aus der femi­nis­ti­schen Bewe­gung, wie auch an gemischt­linke Gruppen, bzw. Männer, die sich in ihrer Politik auf femi­nis­ti­sche Posi­tionen beziehen wollen.

Einschätzungen zum Status quo – Zwischen Frauenbewegung und radikaler/autonomer Linker

Wir gehen davon aus, dass es in der radikalen/autonomen Linken ein kriti­sches Bewusst­sein der gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse gibt und ebenso einen verbrei­teten allge­meinen Anspruch, es  »besser« zu machen. Dennoch wird die Beschäf­ti­gung mit Sexismus als Bestand­teil gesell­schaft­li­cher Realität, der poli­ti­sche Mikro- wie Makro­struk­turen durch­dringt, in gemischten Gruppen zumeist souverän verworfen. Die fehlende Selbst­ver­ständ­lich­keit, sich mit dem eigenen Sexismus ausein­ander zu setzen, wird ergänzt durch die fehlende Einbe­zie­hung von patri­ar­chalen Verhält­nissen auf der Analy­se­ebene. Dem Anspruch zufolge, den wir an radi­kal­l­inke Politik stellen würden, diskre­di­tiert diese sich dadurch selbst.

Aber schade, schade: dieser Anspruch wird nicht von allen Links­ra­di­kalen geteilt – und ein Anspruch allein bleibt ohnehin folgenlos. Eine simple Erklä­rung für die immer weiter fort­schrei­tende Nicht­ein­be­zie­hung von femi­nis­ti­schen Posi­tionen liegt im Nieder­gang der Frau­en­be­we­gung: es fehlt einfach der poli­ti­sche Druck. Einer­seits knüpfte gerade die auto­nome Bewe­gung, beispiels­weise mit der Häuser­kampf­po­litik, zwar an das Poli­tik­ver­ständnis der Frau­en­be­we­gung an, indem sie auch das »Private« zum Gegen­stand ihrer Kämpfe machte, also »poli­ti­sierte«. Ande­rer­seits löste sie dabei die Parole »Das Persönliche/Private ist poli­tisch« aus ihrem ursprüng­li­chen Kontext: dem Kampf von Frauen zur Revo­lu­tio­nie­rung des Geschlech­ter­ver­hält­nisses, und korrum­pierte sie zum Slogan eines Kultur­kampfes, in dem sich die Vertei­di­gung eines unkon­ven­tio­nellen, »dissi­denten« Lebens­stils verselb­stän­digte und schließ­lich in dem versackte, was als typisch auto­nomer Subjek­ti­vismus eigent­lich allen bekannt sein dürfte, die seit längerem in entspre­chenden »Zusam­men­hängen« poli­tisch arbeiten.

Diese Entwick­lung steht in engstem Zusam­men­hang mit einem Prozess von Ausdif­fe­ren­zie­rung und teil­weiser Insti­tu­tio­na­li­sie­rung3 der Frau­en­be­we­gung, in dem sie insge­samt an poli­ti­scher Stärke verlor. Die Durch­set­zung bestimmter Tabus und Gepflo­gen­heiten, die Frauen das (poli­ti­sche) Leben erleich­terten, war inner­halb der radi­kalen Linken nur erreichbar vor dem Hinter­grund einer starken, kämp­fe­ri­schen Frau­en­be­we­gung, die es ermög­lichte, zu Männern zu sagen: gut, wenn nicht mit euch, dann eben ohne oder auch gegen euch. Diese Situa­tion ist passé. Es scheint, dass zwischen den verblie­benen auto­nomen Frau­en­gruppen und der gemischten auto­nomen4 Rest­linken eine »Arbeits­tei­lung« besteht, die dasselbe Schema wieder­holt, das auch für viele Hete­robe­zie­hungen charak­te­ris­tisch ist: salopp ausge­drückt, machen Frauen die Bezie­hungs­ar­beit am linken »Gesamtma­cker«, während vorrangig Männer sich der »großen Politik« widmen. Ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen erfolg­reich entpo­li­ti­siert, weil nicht mehr als Macht­ver­hältnis präsent (wofür die Frau­en­be­we­gung stand), haben sich, dem alther­ge­bracht-linken Poli­tik­ver­ständnis folge­richtig, Frau­en­gruppen als »poli­tisch« erüb­rigt und können offen infrage gestellt werden.

Femi­nis­ti­scher Sepa­ra­tismus als Orga­ni­sie­rungs­kon­zept wird von vielen Frauen heute als Schritt »aus den Gemischten heraus« verfolgt – während es 1975 oder 1985 unter Frauen begrün­dungs­be­dürftig war, mit Männern Politik zu machen, stehen die Dinge heute umge­kehrt. Das stellt Femi­nis­tinnen vor die Alter­na­tive, entweder relativ verein­zelt zu agieren, oder sich poli­tisch auf die gemischt­ge­schlecht­liche Linke zu beziehen5. Bei vielen jüngeren, nach­rü­ckenden Femi­nis­tinnen hat sich die Selbst­wahr­neh­mung dahin­ge­hend verän­dert, dass sie sich eher in einem »linken« als »femi­nis­ti­schen« Diskurs verortet sehen und das auch faktisch sind. Das führt dazu, dass der Verein­nah­mungs­ten­denz seitens der Linken, die verblie­benen Frau­en­gruppen in sich zu subsu­mieren, unbe­ab­sich­tigt entspro­chen wird. Zu einem histo­ri­schen Zelt­punkt, an dem femi­nis­ti­sches Geschichts­be­wusst­sein kaum noch exis­tent Ist, wirkt damit die Kritik am »Defi­ni­ti­ons­recht« umso fataler: Falsch­dar­stel­lungen und absurde Herlei­tungen treffen auf unser eigenes parti­elles Unver­mögen, diesen argu­men­tativ und mit einer Vertei­di­gung der Eigen­stän­dig­keit femi­nis­ti­scher Politik gegen­über linker zu begegnen.

Von »Selbstbestimmungsrecht«, »Definitionsrecht« und anderen Machtfragen

Seit den Hoch-Zeiten der Frau­en­be­we­gung, von der aus der Kampf gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen zunächst in dem Begriff des »Selbst­be­stim­mungs­rechts« geführt wurde, haben sich also poli­ti­sche Kräf­te­ver­hält­nisse in der Gesell­schaft verschoben. Was einst z.B. in Debatten um den §218 und die sexu­elle Verfüg­bar­keit der Frau als Begriff sinn­voll war, ist heute von Bevöl­ke­rungs­po­li­ti­ke­rinnen, Gen- und Repro­tech­no­log­lnnen zur schein-femi­nis­ti­schen Legi­ti­ma­tion ihrer Politik verein­nahmt.

Der Begriff der Selbst­be­stim­mung hat damit seine ursprüng­liche Bedeu­tung verloren6. Der Konflikt um Männer­ge­walt wie auch struk­tu­relle Formen von Gewalt, denen Frauen ausge­setzt sind, wird von uns heute in anderen Begriffen ausge­tragen: In den aktuell verwen­deten Begriffen zeigt sich eine Aufsplit­tung der Sicht auf Gewalt­ver­hält­nisse, in der diese häufig nur noch redu­ziert in den Blick kommen. Hinter der Forde­rung nach »Selbst­be­stim­mung« stand ein umfas­sendes femi­nis­ti­sches Verständnis von Körper­lich­keit und Befreiung. Wenn eine schon mal von »Selbst­be­stim­mung« spricht, wird die Absur­dität einer Recht­fer­ti­gung derselben vor Männern schneller klar, als wenn in intel­lek­tua­li­sierter Form »Defi­ni­tionen« verhan­delt werden. Allein mit »Defi­ni­tionen« ist uns nicht geholfen; es ist das »Bestimmen«, das wir durch­setzen müssen. Das kann nicht heißen, den Begriff Defi­ni­ti­ons­macht als solchen abzu­lehnen, sondern den Streit um Begriffe selbst histo­risch aufzu­ar­beiten.

Definitionsrecht oder Definitionsmacht? Welches hätten’s gern?

Es ist wichtig, sich zu verge­gen­wär­tigen, für welche unter­schied­li­chen Argu­men­ta­ti­ons­weisen der Gebrauch der Begriffe Defi­ni­ti­ons­recht bzw. Defi­ni­ti­ons­macht steht und welche Problem­de­fi­ni­tionen in diesen mittrans­por­tiert werden. Den Wort­teil »Defi­ni­tions-« mal wegge­lassen, wird ersicht­lich, dass es sich bei Recht und Macht inhalt­lich um zwei völlig verschie­dene Dinge handelt.

Der Begriff »Defi­ni­ti­ons­recht« ist in mehr­fa­cher Hinsicht proble­ma­tisch. So wird ein Recht gewährt (oder auch nicht), wodurch ein passives Bild der betref­fenden Frau impli­ziert und diese tenden­ziell als Objekt behan­delt wird. Bleibt noch die Frage offen, wer dieses Recht gewähr­leistet. Schließ­lich vermit­telt der Terminus »Recht« eine »Einklag­bar­keit«; ähnlich eines bürger­li­chen Gerichts­ver­fah­rens müsste demnach eine Art System vorhanden sein, dem bestimmte Verein­ba­rungen zu Grunde liegen. Ein dogma­tisch fest­ge­legtes Verein­ba­rungs­schema, in welchem ein pseudo-juris­ti­sches Vorgehen domi­niert, redu­ziert die Frau auf einen »Fall« und entpo­li­ti­siert das Geschehen zugleich.

Der Begriff Defi­ni­ti­ons­macht ist gene­rell nicht auf den Bereich sexu­eller Gewalt beschränkt, sondern wird auch in anderen poli­ti­schen Kontexten von Linken benutzt. Es geht dabei zuvor­derst um die Frage, wer die Macht hat, etwas zu defi­nieren. Die Linke skan­da­li­siert die Defi­ni­ti­ons­macht herr­schender Eliten, Begriffe oder Problem­deu­tungen fest­zu­legen; umge­kehrt wird Defi­ni­ti­ons­macht als eine poli­ti­sche Maßnahme für dieje­nigen einge­for­dert, die direkt von Herr­schafts- und Unter­drü­ckungs­ver­hält­nissen betroffen sind. Niemand würde dies­be­züg­lich auf die abstruse Idee kommen, von Defi­ni­ti­ons­recht zu spre­chen, als würde das irgend­eine Instanz garan­tieren.

Debatten um Defi­ni­ti­ons­recht/-macht bringen für Frau­en­gruppen inner­halb der radi­kalen Linken unwei­ger­lich die »Orga­ni­sie­rungs­frage« aufs Tapet. Das Infra­ge­stellen der Defi­ni­ti­ons­macht blendet dieselben Macht­ver­hält­nisse aus, die auto­nome Orga­ni­sie­rung von Frauen und deren Wider­stand über­haupt notwendig machen. Die, denen es um ein Infra­ge­stellen des Defi­ni­ti­ons­rechts (oder der Defi­ni­ti­ons­macht) geht, betreiben damit also implizit auch die Infra­ge­stel­lung der Frau­en­gruppen als Orga­ni­sa­ti­ons­form – und poten­ti­elle Gegen­macht gegen­über einer unso­li­da­ri­schen Linken. Nur konse­quent, dass von Vertre­te­rInnen dieser Posi­tion die Diskus­sion um Macht­ver­hält­nisse zwischen Frau­en­gruppen und Gemischt­linker sorgsam ausge­spart wird. Umso unpas­sender die euphe­mis­tisch-naive Behaup­tung, da würden unbe­greif­li­cher Weise ein paar bornierte Figuren (wir sind versucht zu sagen »hyste­ri­sche Weiber«) sich der Klärung wich­tiger Fragen verwei­gern, als sei das Ganze ein von gemein­samen Inter­essen getra­gener Disput um »rich­tiges« oder »falsches« Vorgehen.

Die generös ange­bo­tene »Diskus­sion« ist vor diesem Hinter­grund also keine, sondern ein schlichter Macht­kampf. Somit ist es seitens der Frau­en­gruppen folge­richtig, sich auch nicht anhand von Maßstäben einer Debatte zu verhalten, sondern wie in einer Ausein­an­der­set­zung mit dem poli­ti­schen Gegner.

Wie und welche Ordnung »Vergewaltigungsdebatten« schaffen

Der Ablauf einer Verge­wal­ti­gungs­de­batte inner­halb der auto­nomen Linken der 90er ist ein tech­ni­scher: nach Ziehen des Zünders, der Aussage »Verge­wal­ti­gung« durch eine einzelne Frau setzt eine Art Mechanik ein: die besagte »Verge­wal­ti­gungs­de­batte«. Inner­halb dieser werden poli­ti­sche Ziele häufig unscharf: geht es zuvor­derst um den Schutz der Frau, ihre »Reha­bi­li­tie­rung«7, Erhal­tung ihrer Fähig­keit Politik zu machen oder um Strafe für den Täter und die darin gege­bene Möglich­keit zur Gewis­sens­be­ru­hi­gung für dritte, die selbst über den Vorfall scho­ckiert sind?

Die treu­her­zige Aner­ken­nung der Defi­ni­ti­ons­macht, so sie denn erfolgt, gleicht häufig eher dem passiven Abni­cken eines als quasi »Gewohn­heits­recht« ange­se­henen Verfah­rens, dass nicht herge­leitet werden muss (was vielen sicher­lich bequem ist) als der aktiven, indi­vi­du­ellen und kollek­tiven Partei­nahme für die Frau.

Es verselb­stän­digen sich Abläufe und das Ganze gibt eine blühende Land­schaft für jeden Sexisten ab, sich als Frau­en­freund zu profi­lieren. Denn mehr als die »rich­tige« Veran­stal­tung verhin­dern helfen, ist dafür ja nicht nötig8. Die betrof­fene Frau gerät dabei leicht In den Hinter­grund. Anstatt sich darum zu kümmern, wie ihr nach einem trau­ma­ti­sie­rendem Erlebnis geholfen werden kann, rückt die Täter­be­stra­fung in den Vorder­grund.

Die Gegne­rinnen von »Defi­ni­ti­ons­recht« oder ‑macht gefallen sich oft in der Provo­ka­tion, üben sich im will­kür­li­chen Rumdok­tern an der Frau­en­psyche. Abstrakte Kritik femi­nis­ti­scher Parolen (»heißt nein wirk­lich immer nein?«) und an dieser Stelle irrele­vante Proble­ma­ti­sie­rungen (»aber es gibt doch auch Frauen, die Verge­wal­ti­gungs­phan­ta­sien haben!«9) rücken ins Zentrum bzw. werden zur »Gret­chen­frage«. Im Fokus des Inter­esses steht nicht etwa die Verän­de­rung gesell­schaft­li­cher Verhält­nisse, die sexu­elle Gewalt hervor­bringen, oder die Suche nach einem vernünf­tigen poli­ti­schen Umgang damit, sondern der mit intel­lek­tu­ellen Pirou­etten garnierte Zweifel, ob denn der »Täter« wirk­lich ein »Täter« und das »Opfer« wirk­lich ein »Opfer« gewesen sei10. Diese Verfahren und nicht die Defi­ni­ti­ons­macht – wie beispiels­weise, von Les Made­leines behauptet – sind es, die ein Bild der Frau all zu patho­lo­gi­sie­rendes, passives Opfer repro­du­zieren, die bei einem »privaten« Problem nach Hilfe verlangt.

Den Hinter­grund jedes aktu­ellen Diskurses um Verge­wal­ti­gung in der Linken bildet die still­schwei­gend-alltäg­liche Behand­lung von Sex und Bezie­hungen als »Privat­sache«, die wenn über­haupt immer nur punk­tuell und in indi­vi­dua­li­sierter Form Gegen­stand der Politik werden kann – ganz wie in der sons­tigen bürger­li­chen Gesell­schaft.

Die schau­rigen Verge­wal­ti­gungs­de­batten bilden derzeit den einzigen Aufhänger für die Diskus­sion inner­halb der auto­nom­linken Öffent­lich­keit um das Geschlech­ter­ver­hältnis, das ansonsten nicht thema­ti­siert wird. Unter dem Druck des konkreten Vorfalls kommt es aber zuerst auf eine Posi­tio­nie­rung an und diese wird auch einge­for­dert. Das ist für Bewusst­seins­bil­dung denkbar ungünstig: niemandem wird zunächst die Gele­gen­heit zur Ausein­an­der­set­zung und zum Erkennt­nis­ge­winn gegeben, um sich anschlie­ßend verhalten zu können. Die unter­schied­li­chen Dimen­sionen sexis­ti­scher Gewalt und Unter­drü­ckung redu­zieren sich in der Wahr­neh­mung vieler auf ein singu­läres Ereignis. Durch die Zuspit­zung auf den »Extrem­fall« Verge­wal­ti­gung werden andere Formen von sexis­ti­schem und frau­en­feind­li­chem Verhalten baga­tel­li­siert oder ganz aus den Augen verloren.

Aber ange­sichts konkreter sexis­ti­scher Über­griffe bestehen eben andere Notwen­dig­keiten als Aufklä­rung zu leisten. Die radi­kale Linke, die erwartet, dass Femi­nis­tinnen in diesem Moment für Aufklä­rung zur Verfü­gung stehen, ist offen­sicht­lich von allen guten Geis­tern verlassen.

Macht: Darf’s ein bisschen mehr sein?

Die Erkämp­fung der Defi­ni­ti­ons­macht bzw. die Einsicht in die Notwen­dig­keit dessen kann nur eine – wenn auch eine gewich­tige – poli­ti­sche Maßnahme sein, die sich durch die gege­benen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse legi­ti­miert. Es handelt sich dabei um kein perfektes Konzept, da es histo­risch bedingt aus einer Defen­sive geboren und zudem eine »miss­bräuch­liche« Verwen­dung nicht auszu­schließen ist. Letz­teres als Argu­ment gegen die Defi­ni­ti­ons­macht ins Feld zu führen, heißt jedoch auch, sämt­liche gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse auszu­blenden, zu denen diese poli­ti­sche Forde­rung in enger Bezie­hung steht. Es kann nicht um ein »mecha­ni­sches« Vertei­digen einer ledig­lich situa­tiven Defi­ni­ti­ons­macht gehen, sondern einer­seits um die Erwei­te­rung der gegen­wär­tigen Ausein­an­der­set­zung mit sexu­eller Gewalt in der gemischten radi­kalen Linken. Ande­rer­seits muss es eine umfas­sende Debatte unter Frauen um femi­nis­ti­sche Posi­tionen im allge­meinen geben, die unsere gegen­wär­tige poli­ti­sche Situa­tion reflek­tiert und dazu führt, bestehende Spal­tungen (auch orga­ni­sa­to­ri­sche) zu über­winden und Streit­punkte aus verän­derter Perspek­tive anzu­gehen. Die Ausein­an­der­set­zung um sexu­elle /sexualisierte Gewalt in der radi­kalen Linken sollte der Orien­tie­rung »pro-Frau« statt »contra-Mann« folgen. Derar­tige Prio­ri­täten zu setzen hieße, sich für das zu entscheiden, was eine linke Bewe­gung und Orga­ni­sa­tion leisten kann, statt weiterhin Mini-Staat oder wider­spruchs­freie Zone zu spielen. Sexu­elle Gewalt kann nicht per Anspruch ausge­schlossen werden11.

Ziel muss sein, mit der [Gewalt?], die es gibt und zunächst immer wieder geben wird, einen Umgang zu finden. Dabei sollte lang­fristig ein poli­ti­sches Bewusst­sein und sozu­sagen eine »Norma­lität« entstehen, in der sexu­elle Gewalt als eine Ausprä­gung von sexis­ti­schen und patri­ar­chal struk­tu­rierten gesell­schaft­li­chen Verhält­nissen thema­ti­sierbar ist, ohne dass im glei­chen Zuge die Täter entlastet werden. Auch unab­hängig vom Tatbe­stand »Verge­wal­ti­gung«, ange­sichts »weniger schlimmer« Vorfälle, muss gehan­delt werden. Dabei wäre unsere Hoff­nung (die sich mit bishe­rigen Erfah­rungen deckt), dass Gewalt­er­leb­nisse für die Opfer subjektiv leichter verkraftbar sind, wenn sie nicht wie eine Bestä­ti­gung immer­glei­cher, unver­än­der­li­cher Verhält­nisse und darin erlebter Miss­ach­tung daher­kommen. Wenn anstelle der bisher häufigsten Gewiss­heit, dass das betref­fende Erlebnis aus gesell­schaft­li­chen Verhält­nissen hervor­ging, die zu bekämpfen die Genos­sInnen nicht für nötig erachten, der Eindruck tritt, dass sie im Kampf dagegen prin­zi­piell hinter der Betrof­fenen stehen12, kann z.B. das Gefühl von Abwer­tung im Nach­hinein gemil­dert werden.

Wenn wir oben davon reden, konkrete sexu­elle Gewalt als »extreme« Ausprä­gung der gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse sei ein schlechter Aufhänger für eine aufklä­rende Debatte um Sexismus, dann geht es uns dabei um das Gegen­teil der Rela­ti­vie­rung etwa­iger Über­griffe. Mit dem Verweis auf deren Einge­bun­den­heit in die gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse wurde bereits oft genug die Baga­tel­li­sie­rung von sexu­eller Gewalt betrieben13 und deren Thema­ti­sie­rung tabui­siert, was zum Vorwurf des »Täter­schutzes« führte. Uns geht es dagegen um die Über­le­gung, wie sexu­elle Gewalt in Zukunft poli­tisch wirk­samer skan­da­li­siert werden kann14. »Poli­tisch wirk­same Skan­da­li­sie­rung« und »Hilfe für die Betrof­fene« sind nicht als Gegen­sätze zu disku­tieren: jeder akute Über­griff ist neben der Soli­da­ri­sie­rung mit der Betrof­fenen, den er erfor­dert, auch ein zwin­gender Anlass, sich über den Status quo der Ausein­an­der­set­zung um sexu­elle Gewalt in der radikalen/autonomen Linken klar zu werden und daraus Konse­quenzen zu ziehen. Die vorder­grün­dige Bezugs­lo­sig­keit bishe­riger Verge­wal­ti­gungs­de­batten zum sons­tigen poli­ti­schen Alltag erschwert deren Aufar­bei­tung als Ausdruck radi­kal­l­inker Verfasst­heit und Politik.

Gleich­zeitig ist die Verstän­di­gung zwischen Frauen in Frauen- und gemischten Gruppen häufig mise­rabel, und auch die zwischen Frau­en­gruppen ist – zumin­dest in unserem Umfeld; wenn wir ansonsten irren sollten, umso schöner – nicht groß­artig. Es stellt sich die Frage, wie und an wen vor diesem Hinter­grund welches poli­ti­sche Bewusst­sein vermit­telt wird, werden soll, kann?

Die »Zustän­dig­keit« als Frau­en­gruppe für gewisse »Themen«, wie »Sexismus« zu verwei­gern, wenn dies von Männern bzw. Leuten gefor­dert wird, die sich selbst nicht dazu verhalten wollen, ist eine Sache: bei vielen äußert sich die Abwehr der Ausein­an­der­set­zung auch in vorder­grün­diger Aner­ken­nung der Frau­en­gruppen und ihres »wich­tigen poli­ti­schen Auftrags«, der damit wunderbar klar­ge­zogen werden kann, auf dass auch keine Kompe­tenz­strei­tig­keiten aufkommen. Mecha­nisch die Deutungs­ho­heit für noch jedes Einzel­pro­blem rund um »Sexismus« an Femi­nis­tinnen abzu­geben, ist unpo­li­ti­sche Katz­bu­ckelei. Wann hingegen der Eindruck aufkommt, in einer poli­ti­scher Verant­wor­tung zu stehen, wann ein Thema »aufge­zwungen« ist (welches poli­ti­sche Thema ist denn nicht »aufge­zwungen«?) und wie Frau­en­gruppen unter­ein­ander poli­ti­sches und Geschichts­be­wusst­sein vermit­teln, sollte unserer Einschät­zung nach wieder verstärkt Thema unter Frauen(-gruppen) sein.

Die Vertei­di­gung und Erwei­te­rung der »Defi­ni­ti­ons­macht«, die das Stich­wort des aktu­ellen Diskurses zwischen haupt­säch­lich der rest­au­to­nomen Szene, ihrer femi­nis­ti­schen Sub-Szene und einigen weiteren poli­tisch margi­nalen linken Kräften ist, muss deren Geschichte einbe­ziehen und unter Bezug auf Prin­zi­pien femi­nis­ti­scher Politik erfolgen. Das beinhaltet die Beibe­hal­tung und Stär­kung der Auto­nomie der Frau­en­gruppen und die prin­zi­pi­elle Möglich­keit der Frauen inner­halb gemischter Gruppen und Orga­ni­sa­tionen, diese [Auto­nomie] auch abge­stuft, nach Bedarf für sich einzu­setzen.

Nur aus der Auto­nomie heraus kann die Defi­ni­ti­ons­macht über die Gestalt und Rele­vanz sexualisierter/sexueller Gewalt und sexis­ti­scher Über­griffe durch­ge­setzt werden. Schließ­lich geht es um Macht, und die wird nicht frei­willig abge­geben, sondern durch den Aufbau von Gegen­macht erstritten. Die gefor­derte Partei­lich­keit gerade der gemischten linken Gruppen lässt sich nicht als Verhal­tens­kanon verpa­cken, auch wenn so was in der autonomen/radikalen Linken so beliebt ist und für viele das einzige zu sein scheint, was Sicher­heit über die eigene poli­ti­sche Exis­tenz gibt. Statt beim »im Zweifel für die Frau« stehen zu bleiben, muss als Boden für konkretes Verhalten eine umfas­sende Sicht auf die – patri­ar­chal verfassten – Dinge entwi­ckelt werden. Prak­tisch muss die Bereit­schaft da sein, wenigs­tens Scha­dens­be­gren­zung zu leisten. Wem die Erkenntnis bisher mangelte, dem sei gesagt: die Partei­lich­keit der Männer für ihres­glei­chen in der gegen­wär­tigen Gesell­schaft, ihr männer­bün­di­sches Agieren, macht femi­nis­ti­sche Partei­lich­keit erst notwendig. Um den Zustand taten­loser männ­li­cher Mittä­ter­schaft zu durch­bre­chen, braucht es aktive, sicht­bare Partei­nahme von Männern – den Verrat am Männer­bund: »Wer schweigt, stimmt zu«. Prio­rität bei allem, was infolge von Über­griffen unter­nommen wird, muss Schutz und ggf. Reha­bi­li­tie­rung der betrof­fenen Frau sowie die Orien­tie­rung an ihrem Willen, was sich punk­tuell wider­spre­chen kann, sein. Ganz bestimmt haben wir nichts erhel­lendes oder konstruk­tives von reinen Begriffs­dis­kus­sionen zu erwarten, die von poli­ti­schen Konflikten abstra­hieren. Vorfüh­rungen nach­ge­ahmter Staat­lich­keit im Zuge von Verge­wal­ti­gungs­de­batten (Verrecht­li­chung usw.) zeugen von Perspek­tiv­ver­lust und einer Sehn­sucht radikal-linker Zusam­men­hänge nach einfa­chen Verhält­nissen, die das schlechte Bestehende affir­miert. Das Heil wird in der Abstrak­tion gesucht, dem Austüf­teln eines allge­mein­gül­tigen Rasters, das von der Subjek­ti­vität des Erlebten und der Er- und Über­le­benden15 wegführt und andere aus der sozialen und poli­ti­schen Verant­wor­tung, sich als Freun­dInnen oder Genos­sInnen von Täter oder Opfer zu verhalten, enthebt.

Der eigent­liche Streit­punkt hinter der Frage, wer seine bedrü­ckenden, verlet­zenden, gewalt­vollen Erleb­nisse im Zusam­men­hang mit Sexua­lität wie defi­nieren solle oder dürfe, ist die Frage danach, was Folge einer solchen Defi­ni­tion sein sollte. Die Idee einer Macht­po­si­tion von Frauen, Sank­tionen durch­zu­führen, schreckt viele. Beides, Umgang mit Opfer und Täter, hat aber nur bedingt mitein­ander zu tun. Es ist Unsinn, einer Frau die Kompe­tenz ein eigenes Erlebnis tref­fend zu defi­nieren, abzu­spre­chen, nur weil mensch einen sche­ma­ti­schen Straf­ka­talog im Kopf hat, so dass aus der jewei­ligen Defi­ni­tion zwangs­läufig Sank­tion XY folgen muss. Statt einer Redu­zie­rung oder einem In-Zweifel-ziehen der Defi­ni­ti­ons­macht sollte jegliche Art von sexueller/sexualisierter Gewalt und Beläs­ti­gung thema­ti­siert werden können und dabei die gleiche Partei­lich­keit und Unter­stüt­zung finden. Der Skandal besteht nicht darin, wie einige mora­li­sie­rend vermuten, dass die Möglich­keit gegeben ist, dass Frau XY »wider­recht­lich« Gebrauch von dem »Macht­mittel« Verge­wal­ti­gungs­de­batte macht (darauf wäre am ehesten zynisch zu antworten: wenn eine daraus Nutzen zieht, ist sie hoffent­lich schlau genug, es anzu­wenden). Der Punkt ist, dass ohne Verwen­dung des Verge­wal­ti­gungs­be­griffs oder anderer »Tabu­brüche« mit Sicher­heit nichts passiert.

Das ist kein Verschulden der Frau­en­gruppen, sondern der latenten Frau­en­feind­lich­keit der radi­kalen Linken, die keine Formen des Umgangs mit sexualisierter/sexueller Gewalt entwi­ckelt hat und damit ausdrückt, dass die von Beläs­ti­gungen, Demü­ti­gungen und Über­griffen freie Teil­habe und Mitbe­stim­mung ihrer Politik durch Frauen ihr ein sekun­däres Anliegen ist – das ist nicht eben ein neues Phänomen. Aufgabe einer konti­nu­ier­li­chen Diskus­sion um »Sexismus« wäre es, die Möglich­keit zur Entwick­lung poli­ti­schen Bewusst­seins zu bieten. Substan­zi­elles zum Umgang mit Tätern und zur Möglich­keit, durch männ­liche Zurich­tung zum Täter zu werden, erwarten wir uns v.a. von Männern.

… und darüber hinaus

Das Erkennen der Notwen­dig­keit auto­nomer Orga­ni­sie­rung von Frauen ist von dem Bewusst­sein nicht zu trennen, als Linke Teil der Gesell­schaft zu sein, in dem Frau­en­feind­lich­keit ebenso möglich ist wie woan­ders. Das heißt nicht ledig­li­ches Abni­cken der rein kari­tativ verstan­denen »Schutz­funk­tion« von Frau­en­gruppen, sondern: Erar­bei­tung eines Bewusst­seins darüber, dass Orga­ni­sa­ti­ons­form und inhalt­li­ches nicht unab­hängig vonein­ander sind und die Linke in der Ausein­an­der­set­zung mit Frau­en­gruppen einiges lernen kann, dessen sie sonst offen­sicht­lich unfähig ist.

Dass damit Frau­en­gruppen als Korrektiv der Linken herhalten, ist die Nega­tiv­for­mu­lie­rung der Möglich­keit, linke durch femi­nis­ti­sche Politik zu radi­ka­li­sieren. Das finden wir ange­sichts unserer Ausgangs­lage, der beinahen Stimm­lo­sig­keit von Feministinnen/Frauengruppen in der Linken, nicht das schlech­teste Ziel, wenn es auch den Anspruch, sich von linken Gruppen und Genossen nicht abhängig zu machen, kaum befrie­digen kann. Würden wir die Linke für reak­tionär und sonst nix halten, dann bräuchten wir kein Bündnis mit ihr zu suchen und ein Selbst­ver­ständnis als Linke wäre obsolet. Aber auch »Femi­nismus“ bietet nicht auto­ma­tisch ein eman­zi­pa­to­ri­sches Zuhause. Da wir uns selbst auch als Linke sehen und den Anspruch habe, linke Politik mitzu­be­stimmen, sehen wir nicht ein, weshalb wir uns zwischen einer »linken« und einer »femi­nis­ti­schen« Ausrich­tung entscheiden sollten – wobei das eine nicht im anderen aufgeht und Ausein­an­der­set­zungs­fä­hig­keit femi­nis­ti­sche Auto­nomie bedingt. Einige werden es viel­leicht für über­flüssig oder falsch halten, zu diesem Zeit­punkt, wo die Berlin-Debatte16 schon eine Zeit­lang her ist, dies alles extra aufzu­kla­mü­sern und zu verschrift­li­chen. Dem lässt sich unsere Wahr­neh­mung entge­gen­halten, dass es leider sehr wohl nötig ist, den Sinn einst erkämpfter femi­nis­ti­scher Gepflo­gen­heit und Begriffe neu herzu­leiten, und auch auf diesem Wege durch­zu­setzen. Die frucht­losen Verge­wal­ti­gungs­de­batten haben jeden­falls keinen Beitrag zur dies­be­züg­lich Geschichts­ver­mitt­lung geleistet, sondern stehen sympto­ma­tisch für die auto­nome Geschichts­lo­sig­keit und den darauf folgenden Zwang, perma­nent das Rad neu zu erfinden17. Nach einigen PC- und noch mehr Anti-PC-Diskursen und im Kontext eines wieder offener frau­en­feind­lich werdenden gesell­schaft­li­chen Klimas muss der Anspruch auf femi­nis­ti­sche Selbst­be­stim­mung und/oder Defi­ni­ti­ons­macht ebenso wie der auf auto­nome Orga­ni­sie­rung wieder offensiv begründet werden. Unsere gegen­wär­tige Posi­tion gegen­über und inner­halb der radi­kalen Linken ist so schwach, dass sie nur daraus wieder stärker werden kann.

In diesem Zusam­men­hang kann die pauschale Haltung, sich auf keine Diskus­sion einzu­lassen, zum Hemm­schuh für die »eigene« Ausein­an­der­set­zung, Posi­ti­ons­fin­dung unter Frauen und Frau­en­gruppen werden und damit letzt­lich auch für die Entwick­lung von femi­nis­ti­scher Gegen­macht. Mit der Veröf­fent­li­chung unserer bishe­rigen Diskus­si­ons­er­geb­nisse geht es uns darum, als »Diskus­sion« bemän­telte Angriffe als solche kennt­lich zu machen, in eigener Sache Streit zu suchen und gleich­zeitig einer Verstän­di­gung über poli­ti­sche Ziele von Frauen inner­halb der radi­kal­ge­mischten Linken Raum zu geben.

Was das Zuge­ständnis »allgemein«-radikallinker begriff­li­cher Mangel­wirt­schaft betrifft: die »Gemischten« tun gut daran, sich um Berei­che­rung, Korrektur und Erwei­te­rung des bishe­rigen zu bemühen. Die Beweis­last, was Konstruk­ti­vität und Offen­heit für Diskus­sionen angeht, liegt nicht auf Seiten der Frauen.

DANK: WIR HABEN IN DER LETZTEN ZEIT UNSERE POSITIONEN IN VERSCHIEDENEN RUNDEN, MIT FRAUEN UND MÄNNERN, DISKUTIERT. VIELEN DANK FÜR EUER INTERESSE, EURE ANREGUNGEN UND SOLIDARISCHE KRITIK!


Anmer­kung: Dieser Text wurde hier wieder­ver­öf­fent­licht, weil er sich im Original nur mit einer unsi­cheren Internet-Verbin­dung lesen lässt. Eindeu­tige Fehler in Gram­matik und Recht­schrei­bung wurden korri­giert. Außerdem wurden in eckigen Klam­mern einige wenige Anmer­kungen und Ergän­zungen zum besseren Verständnis hinzu­ge­fügt. Es besteht kein Kontakt zu den Autor*innen des Origi­nals.

  1. Les Made­leines sind eine über­re­gional arbei­tende gemischt­ge­schlecht­liche Gruppe, die sich nach eigenem Bekunden schwer­punkt­mäßig mit dem Geschlech­ter­ver­hältnis ausein­an­der­setzt. ↩︎
  2. Wir halten uns im folgenden an einen weit­ge­fassten Gewalt­be­griff, der struk­tu­relle und indi­rekte Formen von Gewalt einschließt. Er hat sich bewährt, um unter­schied­lichste sexis­ti­sche Unter­drü­ckungs­er­fah­rungen von Frauen thema­ti­sierbar zu machen. Wir folgen damit einem poli­ti­schen Zweck und verwenden den Begriff nicht ausschließ­lich »im Dienste der Wahr­heits­fin­dung«. Was an sexu­eller Gewalt »sexuell« und was »gewalt­tätig« ist, werden wir hier nicht disku­tieren, weil das Ausspielen beider vermeint­liche Klar­heit sugge­riert, die konkret nicht immer gegeben ist und sein kann. Der Ausdruck »sexuelle/sexualisierte Gewalt« soll hier auch sexis­ti­sche Über­griffe und Beläs­ti­gungen einschließen, die durch dieselben Verhält­nisse ermög­licht werden wie direkte sexu­elle Gewalt. »Sexua­li­siert« verweist darauf, dass nicht die Sexua­lität das Entschei­dende ist, sondern die Gewalt­aus­übung, die eben bloß in sexua­li­sierter Form auftritt. »Gewalt« fungiert weiter­ge­hend als Signal­be­griff: Für uns ist im gege­benen Zusam­men­hang vorrangig, das Geschlech­ter­ver­hältnis als Gewalt­ver­hältnis zu erfassen, auch wenn es nicht nur und ausschließ­lich als solches charak­te­ri­sierbar ist. ↩︎
  3. Insti­tu­tio­na­li­sie­rung kann vieles heißen: Die teil­weise Insti­tu­tio­na­li­sie­rung war für Projekte wie Frau­en­häuser und Notrufe sicher die einzige Über­le­bens­chance und ist auch nur sehr einge­schränkt mit profes­sio­na­li­sierter Frau­en­po­litik z.B. in Form von Gleich­stel­lungs­be­auf­tragten zu verglei­chen. ↩︎
  4. Der Begriff »autonom« bezeichnet für Frau­en­gruppen und »die Auto­nomen« als gemischte Bewe­gung etwas unter­schied­li­ches: während Frau­en­gruppen sich damit auf das femi­nis­ti­sche Auto­no­mie­prinzip beziehen, wurde die Bezeich­nung »die Auto­nomen« aus der italie­ni­schen Linken über­nommen, wo sie für eine außer­par­la­men­ta­ri­sche Strö­mung der 60er Jahre stand, die »Auto­nomia operaia«. ↩︎
  5. Ob diese Wahr­neh­mung die einzig mögliche, ob der Anschluss in die gemischte radi­kale Linke und der Versuch die Einfluss­nahme auf ihre Politik tatsäch­lich unaus­weich­lich ist, oder ob nicht inzwi­schen (nach einer gewissen »Über­win­te­rungs­zeit«) die Neube­grün­dung und Stär­kung von Frau­en­ak­tions- und Diskus­si­ons­foren für Femi­nis­tinnen in der radi­kalen Linken Prio­rität haben sollte, ließe sich disku­tieren. ↩︎
  6. Der Selbst­be­stim­mungs­be­griff beinhaltet eine Tren­nung und Hier­ar­chi­sie­rung von »Kopf« (-kogni­tive Fähig­keiten, Ratio­na­lität) und Körper: Das Bewusst­sein soll das (gesell­schaft­liche) Sein bestimmen. »Selbst­be­stim­mung« steht heute [dagegen] für eine indi­vi­dua­li­sierte, entpo­li­ti­sierte »Entschei­dungs­mög­lich­keit« der Frau (v.a .über ihren Körper), die umso größer sei, je mehr (tech­no­lo­gi­sche) Möglich­keiten ihr offen stehen und je mehr sie davon nutzt, ihren Körper und darüber auch ihre Biografie zu kontrol­lieren. Dadurch ist dieser Begriff heute keiner mehr, mit dem Frauen bewusst Einfluss nehmen, sondern mit dem versucht wird, ihre Entschei­dungen zu beein­flussen. ↩︎
  7. Dass eine solche über­haupt nötig ist, spricht für sich und gegen Gruppen und Orga­ni­sa­tionen, deren Verhalten eine Reha­bi­li­tie­rung nötig macht. Trotzdem ist es Fakt, dass Frauen sich auch in solcher­maßen frau­en­feind­li­chen Gruppen orga­ni­sieren wollen, und diese Wahl ist ihnen offen zu halten. ↩︎
  8. Wir tun damit sicher­lich einigen Unrecht. Ein Charak­te­ris­tikum dürfte dennoch damit getroffen sein. ↩︎
  9. Gerade deren Vorhan­den­sein verweist darauf, dass Phan­ta­sien nicht rein spie­le­risch und ohne äußere Beein­flus­sung zustande kommen. ↩︎
  10. Hier zeigen diskurs­theo­re­tisch geschulte Linke gern ihre »Scho­ko­la­den­seite« und üben flei­ßige Kritik an »iden­ti­tären Zuschrei­bungen« oder gleich »Iden­ti­täts­po­litik«. Häufig erfolgt eine bloße begriff­liche Anspie­lung auf Theo­rie­ge­bäude, die vielen nichts sagen, anstatt eine Ausein­an­der­set­zung zu errei­chen oder diese zu wollen. ↩︎
  11. Wer und was wann und wo auszu­schließen ist und ausge­schlossen werden kann, ist Gegen­stand konkreter Verhal­tens­fragen. Die verschie­dent­lich vorge­brachte allge­meine Kritik an der »elimi­na­to­ri­schen« Ausrich­tung von Verge­wal­ti­gungs­dis­puten, ihrem Charakter als »interne Säube­rungen«, sollte mit deren Entste­hungs­zu­sam­men­hang abge­gli­chen werden. Der Gipfel einer psycho­lo­gi­sie­rend kaschierten, unso­li­da­ri­schen Pseudo-Kritik, die damit zur Hetz­ti­rade in bester anti­fe­mi­nis­ti­scher Tradi­tion wird, ist die Fest­stel­lung einer angeb­lich damit einher­ge­henden bürger­li­chen »Sexu­al­feind­lich­keit«, wie sie etwa von der Bahamas in »Infan­tile Inqui­si­tion« formu­liert wurde. Dort wird die Psycho­ana­lyse für eine reak­tio­näre Argu­men­ta­tion nutzbar gemacht und so ein Anschein von Wissen­schaft­lich­keit aufge­baut, für den ebenso gut auch eine andere Theorie hätte herhalten können. Das einzige, was durch den Vorwurf der Tabui­sie­rung von Sexua­lität wirk­lich tabui­siert wird, ist die Frage nach Gewalt- und Macht­ver­hält­nissen inner­halb konkreter sexu­eller Bezie­hungen. Hingegen der von der Bahamas notdürftig wieder­erwärmte Mythos einer ambi­va­lenten, geheim­nis­vollen und befrei­enden Sexua­lität ist eher ein Grusel­scho­cker aus den Aufbruchs­tagen der APO als eine nach aller histo­ri­schen Erfah­rung für die Linke noch ernst­haft disku­tier­bare Idee. Von den Wipfeln welt­ver­ges­sener Ideo­lo­gie­kritik mölmt der Staub und Muff der 68er… Hust. Uns jeden­falls ist ange­sichts einer derar­tigen »Sexua­lität« ganz wohl in der Feind­schaft dagegen. Wer die reak­tio­nären Tendenzen der jetzigen, sich wieder­ho­lenden Verge­wal­ti­gungs­de­batten angreift, hat sich darin auf deren Platz im gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Geschehen und ihren Zusam­men­hang mit dem Problem auto­nomer Desor­ga­ni­sie­rung zu beziehen. ↩︎
  12. Das schließt Konflikte unter­ein­ander über das »Wie« nicht aus. ↩︎
  13. Vgl. Made­leines und Bahamas. ↩︎
  14. Nicht alles, was an unleid­li­chem in Hete­robe­zie­hungen passiert, muss unbe­dingt den Weg über eine expli­zite »Poli­ti­sie­rung« nehmen, wenn es auch außer­halb dessen, im zwischen­mensch­li­chen Bereich und mit dessen Kate­go­rien (Vertrauen, Verzeihen, Hoff­nung, Freund­schaft, Nach­sicht) möglich ist, einer Frau nach einem Scheiß­erlebnis Unter­stüt­zung zuteil werden zu lassen und das auch geschieht. Wohl über­flüssig zu erwähnen, dass die Einschät­zung der Betrof­fenen maßgeb­lich dafür ist, ob ein Vorfall ausrei­chend »poli­ti­siert« wurde? ↩︎
  15. Da der Über­le­ben­denbe­griff von Les Made­leines in der oben beschrie­benen einsei­tigen Weise kriti­siert wurde (vgl. »Das Border­line-Syndrom«), noch eine kleine Erläu­te­rung dazu: er wurde von Frauen in Abgren­zung zum mit Passi­vität asso­zi­ierten Opfer­be­griff entwi­ckelt. Er soll der komplexen Situa­tion der von Gewalt betrof­fenen Frauen gerecht werden: sie werden nicht nur Opfer, sondern kämpfen auch ständig um ihr Über­leben, sowohl inner­halb einer Gewalt­si­tua­tion als auch danach. Das daraus resul­tie­rende wider­sprüch­liche Verhalten von Frauen Männern gegen­über wird ihnen oft als Mittä­ter­schaft ausge­legt. Hierbei wird aber eines grund­le­gend verkannt: Eine Frau, die sich in einem Gewalt­ver­hältnis befindet, hat dieses nicht herbei­ge­führt. Sie wird mit einer für sie gefähr­li­chen Situa­tion gezwun­ge­ner­maßen konfron­tiert. Sie versucht nun, den best­mög­li­chen Weg zu finden, um ihr Über­leben zu sichern und so wenig wie möglich zum Opfer zu werden, also Schaden zu nehmen. Dieses Bemühen kann auch darin bestehen, sich eben nicht zu wehren und scheinbar in Dinge einzu­wil­ligen. Es ist wichtig zu bedenken, dass die verschie­denen Über­le­bens­stra­te­gien auf Grund­lage einer lebens­läng­li­chen, mehr oder weniger stark gespürten Unter­drü­ckungs­si­tua­tion inner­halb von patri­ar­chalen Verhält­nissen entwi­ckelt werden und mit dem Wissen, von Männern abhängig zu sein. Schließ­lich ist es Frauen ja nicht möglich, sich in eine männer­freie Welt zu flüchten, sondern sie müssen sich mit dem was da ist, arran­gieren. Der Über­le­ben­denbe­griff stellt von femi­nis­ti­scher Seite den Versuch dar, das Aktive im Handeln der Frauen in den Vorder­grund zu stellen und darüber hinaus die exis­ten­ti­elle Bedro­hung, der sie häufig ausge­setzt sind, klar­zu­ma­chen. Eine Kritik hat das einzu­be­ziehen. ↩︎
  16. [Gemeint ist höchst­wahr­schein­lich die Debatte um Verge­wal­ti­gungen in der radi­kalen Linken, die 1999/2000 vor allem in der Zeit­schrift Interim geführt wurde. Die Debatte ist hier archi­viert.] ↩︎
  17. Vgl. dazu Heinz Schenk: Die Auto­nomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler, 1991. ↩︎